Archiv für Oktober 2007

Managed Care-Modelle – reizlos, unfrei, aufwändig, teuer und subventionsbedürftig?

Sonntag, 07. Oktober 2007

Der Krankenversicherer CONCORDIA über seine “attraktiven Managed-Care-Modelle HMO und myDoc”

“Damit sich Managed Care auf breiter Front durchsetzt, will der Bundesrat für ein entsprechendes Umfeld sorgen, ohne den Krankenversicherern das Anbieten solcher Modelle vorzuschreiben. Damit für Ärzte ein Anreiz besteht, sich in Netzwerken zusammenzuschliessen, muss der Vertragszwang zwischen Krankenversicherern und Leistungserbringern aufgehoben werden. Die Krankenversicherer sollten die hohen Aufwände für ein Managed-Care-Angebot als Leistungskosten belasten können. Weiter sollen dreijährige Versicherungsverträge möglich sein. Die Förderung von Managed Care soll über den freien Wettbewerb erfolgen. In den so genannten Versorgungsnetzen haben die Leistungserbringer die mit den Versicherern vereinbarte Budgetverantwortung zu übernehmen. Der Ständerat hat in der Wintersession 2006 dem Bundesrat im Wesentlichen zugestimmt.”

Was hat dieses “Fördermodell Managed Care” mit freiem Wettbewerb zu tun? Bezeichnet “Wettbewerb” hier nicht nur die Konkurrenz zwischen Anbietern und Produkten innerhalb der Managed Care-Strukturen?

Definition “freier Wettbewerb” in Meyers Online-Lexikon

“Freier Wettbewerb ist wesentliche Voraussetzung und grundlegendes Steuerungsprinzip der Marktwirtschaft. Die Wettbewerbsintensität hängt von der Anzahl der Anbieter auf dem Markt und dem Heterogenitätsgrad der Güter ab. Die Grenzen zwischen erwünschtem Wettbewerb und unlauterem Wettbewerb, v. a. ruinösem Verdrängungswettbewerb, sind in der Praxis fließend. Wettbewerb kann durch Ausschalten von Konkurrenten zu Konzentration und Marktbeherrschung führen.”

Vernehmlassung des VSAO zur Managed Care-Vorlage

Samstag, 06. Oktober 2007

Der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte VSAO kritisiert die Vorlage ‘Managed Care’ im Rahmen der Teilrevisionen in der Krankenversicherung und sieht unter den gegebenen Rahmenbedingungen, insbesondere auch durch die Übertragung einer Budgetverantwortung auf die Leistungserbringer, die Gefahr systembedinger Rationierung und Qualitätsprobleme:

“Die Verknüpfung von Managed Care-Versorgungsmodellen mit Budgetverantwortung birgt die Gefahr, dass infolge überdurchschnittlich kostenintensiver, aber medizinisch sinnvoller Behandlungen das Netzwerk finanziell unter Druck gerät und eine nicht beabsichtigte verdeckte Rationierung stattfindet mit einer Beeinträchtigung der medizinischen Behandlungsqualität für das ganze Versichertenkollektiv. Dieser systembedingte Zwang zur “Leistungsvermeidung”, der in analogen Versorgungsmodellen in unseren Nachbarländern sowie in den Vereinigten Staaten exemplarisch zu beobachten war und ist, steht dem Willen zur Förderung von Managed Care-Versorgungsmodellen klar entgegen, da Netzwerke dadurch unweigerlich in den Ruf geraten, eine qualitativ minderwertige Behandlung anzubieten. Weiter setzt die Finanzierung über Capitationzahlungen voraus, dass pro Versicherer und Netzwerk eine ausreichend grosse Versichertenbasis existiert, was auch unter optimalen Bedingungen aufgrund der Grösse der Versicherer und der Versichertenpopulation im Schweizer Gesundheitswesen nicht zu erreichen sein wird. Aus diesen Gründen lehnen wir die vorgeschlagene Verankerung der Budgetverantwortung für alle Managed Care-Versorgungsmodelle ab.”

Der Medizinische Dienst im Zwiespalt der Interessen

Samstag, 06. Oktober 2007

»Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’« … oder:
Der Medizinische Dienst im Zwiespalt der Interessen

Ketzerische Anmerkungen eines Betroffenen

(Der Medizinische Dienst der Krankenkassen in Deutschland hat ähnliche Funktionen wie der Vertrauensärztliche Dienst in der Schweiz)

Arbeitsfähigkeit – wie verlässlich sind psychiatrische Gutachten?

Mittwoch, 03. Oktober 2007

Psycho-Gutachten ist Glückssache

Stress im Job kann krank und depressiv machen. Manchmal so sehr, dass Betroffene nicht mehr arbeiten können. Doch ob man als arbeitsunfähig gilt und Anrecht auf Frührente hat, hängt von einem wohlwollenden Gutachter ab, wie eine Studie zeigt…

Psychische Krankheiten sieht man nicht

Dienstag, 02. Oktober 2007

Psychisch Kranke werden oft nicht wahrgenommen, denn man sieht ihre Krankheit nicht.

“Viele Behinderte versäumen wegen ihrer Krankheit Fristen bei Verträgen, Versicherungen oder Ämtern und geraten in schwere Existenzkrisen; sie müssten die Möglichkeit haben, Fristen aufzuschieben.”

“Behördengänge sind für psychisch Behinderte wegen ihrer Angst vor Menschen unerträglich; notwendig seien daher separate Beratungsräume, Hausbesuche und speziell geschulte Mitarbeiter; ein zugewandtes, wissendes Gegenüber sei für psychisch Behinderte so wichtig wie die Gebärdensprache für Gehörlose, hieß es. Ein Problem ist auch der Behindertenausweis, den viele seelisch Kranke ablehnen, aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und stigmatisiert zu werden.”

“Der Gesetzgeber will helfen, aber er ist nicht fähig, weil ihm die Vorstellung für die Situation der psychisch Kranken fehlt”, sagte Kristian Gross. Die Vertreter der Sozialministerien des Bundes und Bayerns, Andreas Schlüter und Burkard Rappl, gaben das zu.”

(Süddeutsche Zeitung vom 01.10.2007)

Gesundheitspolitiker in der Schweiz sollten diese Erkenntnisse aus dem Nachbarland Deutschland mit einbeziehen, wenn sie im Zusammenhang mit “Sozialmissbrauch” über Verschärfungen bei Sozialämtern, der RAV oder über den Einsatz von IV-Detektiven nachdenken und diskutieren. Denn “Druck”, der zur Demütigung wird, verschlechtert bei psychisch kranken Menschen lediglich die Heilungsprognose.

Managed-Care, Wettbewerb, Billigkassen, Risikoselektion, Markt, Verbote…

Montag, 01. Oktober 2007

Die Basler Zeitung titelt: “Ständerat sucht Mittel gegen Vormarsch von Billigkassen”

“Bruno Frick (CVP/SZ) wollte zunächst mit einer Motion erreichen, dass Billigkassen gar verboten werden und für Versicherte in einer Prämienregion auch einheitlich die gleichen Prämien gelten sollen. Nur so könne verhindert werden, dass der Wettbewerb in der Krankenversicherung durch die Risikoselektion untergraben werde.”

Nicht die Risikoselektion, sondern Verbote untergraben nach meinem Verständnis den Wettbewerb. Risikoselektion ist natürliche Folge des Wettbewerbs unter den Krankenkassen, und sie wird zunehmen, je mehr der Wettbewerbsdruck steigt. Freie Marktwirtschaft im Gesundheitswesen bedeutet Risikoselektion. U. a. deshalb wehren sich Ärzte so massiv gegen die Aufhebung des Vertragszwanges.

“Eine gesunde Konkurrenz zwischen den einzelnen Kassen müsse vor allem dank guten Serviceleistungen funktionieren; dies helfe auch, günstige Angebote wie zum Beispiel Managed-Care-Modelle zu etablieren.”

Wie ist denn dieser Satz zu verstehen? Was genau ist eine “gesunde Konkurrenz”, und was haben der Wunsch nach guten Serviceleistungen und die druckvolle Etablierung von Managed-Care-Modellen mit Wettbewerb und freiem Markt zu tun?

Ist Managed Care durch irgendetwas gehindert, sich zu etablieren? HMO-Modelle, sogar mit Prämienreduktion subventioniert, führen doch bereits eine Ko-Existenz neben der herkömmlichen freien medizinischen Versorgung. Sie wurden nur offensichtlich bisher vom “Kunden” weniger akzeptiert, weil Patienten, die wirklich frei sind zu entscheiden, mehrheitlich die freie Arztwahl und nicht Gatekeeping und Managed Care wählen. Ist es nicht eine “gesunde Konkurrenz” in einem “gesunden Markt”, wenn verschiedene Produkte zur Wahl stehen (dürfen), das attraktivere Produkt mehr Zuspruch findet und der Patient vor den zwangsläufigen Folgen eines zu freien Marktes geschützt bleibt?

Es kann also wohl kaum um “gesunde Konkurrenz” gehen, wenn so viel politischer Druck und Propaganda notwendig sind, um Managed-Care im Gesundheitswesen zu installieren. Geht es nicht vielmehr um “günstige Medizin” (s. o.)? Soll die Umstellung auf Managed-Care nicht deshalb flächendeckend erfolgen, weil die “gesunde Konkurrenz” gefürchtet wird und ausgeschaltet werden muss?

Managed-Care ist weder ein Instrument der Medizin, noch ein Garant für medizinische Qualität. Der Begriff “Managed-Care” steht für die Hoffnung (v. a. von Gesundheitspolitikern) auf eine Senkung der Gesundheitskosten. Und ebenfalls nur gehofft wird, dass die medizinische Versorgungsqualität dabei keinen Schiffbruch erleidet. Weder die Kenntnis der relevanten Studien, noch der Blick auf Länder mit Managed-Care-Erfahrung sind in dieser Hinsicht ermutigend (vgl. die umfangreiche Artikel-Sammlung auf der Webseite www.psica.ch)! Und auch in der Schweiz dürfte es schwierig werden zu verhindern, dass Managed-Care-Modelle und -Netzwerke, die zum Sparen geschaffen wurden und mit gedeckeltem Budget untereinander im Wettbewerb stehen, “Risikoselektion” betreiben und Begriffe wie “medizinische Qualität”, “medizinische Notwendigkeit” oder “Versorgungsqualität” im Laufe der Zeit nicht ungewöhnlich weit auslegen oder gar neu definieren…


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