Archiv für Juni 2007

IV-Revision bei psychisch Kranken und der Zusammenhang zwischen Zwangsbehandlung, Heilungserfolg und Gesundheitskosten

Samstag, 16. Juni 2007

Bei openpr.de habe ich einen Artikel von Stefan Eichholz (Verein Chancen e. V. ) gefunden, in welchem er vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der EUNOMIA-Studie recherchiert, inwiefern die negativen Implikationen und Folgen von Zwangsbehandlungen im öffentlichen Diskurs beschönigt und hüufig sogar ins Gegenteil verkehrt werden:

“(openPR) – Die “World Psychiatric Association” (WPA) veranstaltet vom 06. bis 08. Juni einen Kongress in Dresden. Thema: “Zwangsbehandlung in der Psychiatrie. Eine umfassende Rückschau”. Dort wird auch eine aktuelle in 12 Ländern durchgeführte europäische Untersuchung zum Thema, die EUNOMIA-Studie, präsentiert. Die Studie belegt, dass Patienten, die in der Psychiatrie gegen ihren Willen behandelt werden, eine deutlich schlechtere Besserungsprognose haben, als Patienten die mit ihrem Willen behandelt werden. Die Studie kommt ferner auch zu dem Ergebnis, dass eine mittels Androhung eines rechtlichen Beschlusses erzwungene Behandlung nicht wesentlich besser verläuft als die Zwangsbehandlung von Patienten mit offiziellen Zwangseinweisungsbeschluss. Das ist nicht überraschend, wird aber teilweise ins Gegenteil verdreht dargestellt, um die negativen Folgen von Zwangsbehandlungen zu relativieren…” Zum Artikel bei openpr.de: Verdrehte-Fakten-zum-WPA-Kongress

Der (negative) Zusammenhang zwischen Heilungserwartung/Therapieerfolg und Behandlung psychisch Kranker gegen ihre Überzeugung, inneren Ängste und Widerstände sollte bei den Überlegungen zur IV-Revision Beachtung finden. Die Ergebnisse der EUNOMIA-Studie bestätigen und untermauern die bekannte klinische Erfahrung, dass psychotherapeutische Behandlungen (also Behandlungen, die nicht nur dem Schutz der Allgemeinheit, sondern der Heilung des Patienten dienen sollen) nicht gegen den Willen durchgeführt werden dürfen, wenn man Aussicht auf Erfolg haben will. In Bezug auf die aktuelle IV-Revision lassen die Studienergebnisse die Prognose zu, dass die systematische Verhängung von (häufig sogar stationären!) “Therapieauflagen” mit Verweis auf die “Mitwirkungs- und Schadenminderungspflicht” zumindest im Bereich psychisch Kranker nicht nur nicht zu einer rascheren Heilung und beruflichen Wiedereingliederung, sondern im Gegenteil zu einer Verschlechterung der Heilungsprognose führen wird. Die Gesundheitskosten werden durch solche Auflagen nicht sinken, sondern steigen.

5. IV-Revision – Stellungnahme des SGPP-Präsidenten Hans Kurt

Donnerstag, 07. Juni 2007

Über die 5. Revision der IV wird demnächst abgestimmt. Der Präsident der SGPP (Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie) Dr. med. Hans Kurt lehnt die Vorlage ab und zeigt in seiner Stellungnahme in der Schweizerischen Ärztezeitung (SÄZ) auf, warum die geplanten Massnahmen nicht geeignet sind, die Wiedereingliederung psychisch kranker Menschen zu verbessern, sondern stattdessen zu einer weiteren Stigmatisierung und Ausgrenzung führen werden.

Titel des Artikels: Über Scheininvalide und Psychiater…

Psychische Störungen, therapeutische Arbeit und Gesundheitspolitik

Mittwoch, 06. Juni 2007

Gefühl, Denken und Wahrnehmung gehören zusammen und bedingen sich gegenseitig. Das gilt für Gesunde und für kranke Menschen gleichermassen. Wer sich z. B. depressiv fühlt, sieht die Welt und sich selber düster, er sieht eine andere Wirklichkeit als ein Gesunder und denkt auch negativer. Umgekehrt fühlen sich Menschen, deren Denken eingeengt, kreisend, inkohärent, ideenflüchtig etc. ist, ebenfalls entsprechend verändert. Das veränderte Denken und Erleben entspricht einer Verschiebung der inneren und äusseren persönlichen Grenzen und resultiert in einem veränderten Verhalten. Dies ist es, was als “psychische Störung” in Erscheinung tritt und dann der Umgebung auffällt.

Es gehört zum Wesen psychischer Störungen, dass sie mit Störungen der Gefühle, des Denkens und der Wahrnehmung einhergehen, wobei die jeweiligen Anteile und Ausprägungen natürlich variieren. Psychische Störungen betreffen Erleben und Befinden der Person als Ganzes, beeinträchtigen dadurch auch immer mehr oder weniger das gesellschaftliche und berufliche Funktionieren und lassen sich charakteristischer Weise nicht ab- und eingrenzen bzw. lokalisiert behandeln wie etwa eine Wunde oder ein Armbruch.
Während gesunde Menschen sich durch neue Erfahrungen und Erlebnisse, gedankliche Winkelzüge, Ablenkung, Verdrängung oder andere Strategien seelisch balancieren und Fehlwahrnehmungen korrigieren können, gelingt dies psychisch erkrankten Menschen weniger oder gar nicht mehr. Diese Einschränkung der Korrekturfähigkeit ist ein wesentliches Kriterium für die Unterscheidung zwischen gesund und krank. Positives Denken, andere gut gemeinte Ratschläge und das Bemühen, “sich selber einen Ruck zu geben” funktionieren in manifesten Krankheitszuständen meist nicht mehr!

Wo Medikamente ansprechen, können sie rasche Heilungserfolge bewirken. In den meisten Fällen psychischen Leidens haben Medikamente aber nur eine unterstützende Wirkung und werden dann begleitend zu psychotherapeutischen und milieutherapeutischen Verfahren eingesetzt. Es ist deshalb ein Fehler, bei der Behandlung pyschischer Störungen allzu stark auf biologiosche Faktoren zu setzen und sich zusehr in biologischen Krankheitsmodellen zu bewegen. Die klinische Erfahrung lehrt vielmehr, dass bei dem Anteil psychischer Störungen, bei denen es wirklich um Heilung geht, der  psychotherapeutische Zugang meist viel wesentlicher ist, als der Einsatz von Medikamenten!

Psychotherapeutische Behandlungen stellen oft eine grosse Herausforderung für Therapeuten und Patient gleichermassen dar. Es geht darum, den Patienten aus seiner verzerrten Selbst- und Fremdwahrnehmung heraus zu führen, was in einem nicht unerheblichen Teil der Fälle trotz bestem Bemühen sehr mühsam ist, häufig lange Zeit benötigt und manchmal auch gar nicht gelingt. Aus diesem Grund ist auch heute noch in ca 30% der psychischen Erkrankungen die Prognose ungünstig, und in der Schweiz ist Suizid z. Zt. die häufigste Todesursache für Männder unter 40!

Eine Grundvoraussetzung einer erfolgreichen psychotherapeutischen Arbeit ist die Etablierung einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung. Damit dies gelingt, braucht es einen hohen Grad an interventioneller therapeutischer Freiheit, natürlich auf dem Boden einer entsprechenden Ausbildung und entsprechender Erfahrung. Die Beziehung kann nicht standardisiert und an den Bedürfnissen und Einschränkungen/Ängsten des Patienten vorbei installiert werden. Im nächsten Schritt, der ggf. sehr lange Zeit beanspruchen kann, muss ein gemeinsamer Interessenschwerpunkt gefunden und weiterverfolgt werden. Aus das klingt einfacher als es in Wirklichkeit oft ist. Klar aber ist: es nützt dem Patienten und dem therapeutischen Prozess nichts, wenn der Therapeut Störungsgründe und Lösungswege sieht, die der Patient nicht sieht oder nicht akzeptieren kann! Und wie nicht anders zu erwarten dauert die Klärungsarbeit umso länger, je mehr die Wahrnehmung und das Denken von Patient und gesellschaftlichem Umfeld auseinanderdriften und je weniger Vertrauen der Patient zu seinem Therapeuten hat. Die psychotherapeutische Arbeit kann sich deshalb nicht darauf beschränken, Symptome und Defizite zu identifizieren, in einer Diagnose zu benennen und dem Patienten zu vermitteln, woran er leidet und was zu tun ist. Dies wird nur bei einem kleinen Teil der Patienten in Abhängigkeit der zugrunde liegenden Problematik gelingen, am ehesten natürlich bei Patienten, die eigentlich nur ein Coaching oder einen medizinischen Rat benötigen würden und noch nicht wirklich aus dem Tritt geraten sind. In den allermeisten Fällen wird die wesentliche therapeutische Arbeit darin bestehen müssen, den z. T. sehr individuellen und oft schwer verständlichen subjektiven Bedeutungen der Symptomatik nachzuspüren, diese gemeinsam mit dem Patienten verstehen zu lernen (!) und damit dann eine Tür zu öffnen für korrigierende neue Erfahrungen und Denkweisen sowie zu einer schrittweisen Veränderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Je gravierender die psychische Störung, umso entscheidender für das Ergebnis der therapeutischen Arbeit sind also

- Zeit
- Vertrauen
- therapeutische Freiheit

Je gravierender die psychische Störung ist, umso schädlicher wirken sich auf denTherapieerfolg aus

- Misstrauen
- Zeit- und Erfolgsdruck
- Standardisierung der Therapie

Einschränkung der freien Arztwahl, Erschwerung des freien Zugangs zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie durch Gatekeeping und andere Managed Care-Instrumente, Unterwanderung des Arztgeheimnisses durch Versicherer, Standardisierung und Manualisierung von Psychotherapie, Knebelung behandelnde Ärte durch eine Budgetmitverantwortung, offene oder indirekte Unterstützung gesellschaftlicher Stigmatisierung pychisch Kranker etc. wirken gesamthaft den genannten Grundbedingungen für eine erfolgreiche Behanldung pychisch kranker Menschen entgegen. In dem Masse, wie bei der KVG- und bei der IV-Revision zum Erreichen der Sparziele auf solche Massnahmen und Instrumente gesetzt wird, wird die suffiziente Versorgung psychisch kranker Menschen zunehmend verunmöglicht.

IV- und Sozialmissbrauch falsch berechnet?

Mittwoch, 06. Juni 2007

Im Vorfeld der 5. IV-Revision erregte die Diplomarbeit zweier Juristen grosses öffentliches Aufsehen, weil sie zu dem Schluss kam, das jährliche Missbrauchsvolumen bei der IV betrage 400 Millionen Franken. Der Kollege Jörg Jeger hat die Arbeit einer genauen Begutachtung unterzogen und ist zu einem anderen Ergebnis gekommen, demzufolge die Defizite nur etwa halb so hoch sind wie vorgegeben. Sein Artikel wurde publiziert in der Schweizerischen Ärztezeitung Nr. 22. Zum Leitartikel wurde er allerdings nicht auserkoren. Warum eigentlich nicht?

http://www.saez.ch/pdf_d/2007/2007-22/2007-22-490.PDF


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