Archiv für Mai 2007

5. IV-Revision – gemeinsame Stellungnahme der SGPP und der SVPC

Dienstag, 22. Mai 2007

Die 5. IV-Revision steht bevor. Sollte die Vorlage umgesetzt werden, werden insbesondere psychisch kranke Menschen noch schwerer als bisher ihr Leiden sichtbar machen und entsprechende Unterstützung bzw. Entschöädigung einfordern können. Zudem wird durch die geplanten Veränderungen das Arzt-Patienten-Verhältnis massiv belastet und das Arztgeheimnis bedenklich gelockert.

Über die finanziellen Aspekte (Kostensenkung und “Sanierung” der IV), die die aktuelle 5. IV-Revision inhaltlich und strukturell wesentlich charakterisieren, wurden wir in den letzten Monaten umfangreich durch die Medien informiert.

Was die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) und die Schweizerische Vereinigung psychiatrischer Chefärzte (SVPC) zur 5. IV-Revision zu sagen haben, wurde in einer gemeinsamen Stellungnahme zu Papier gebracht.

Ärztliche Herausforderung

Donnerstag, 17. Mai 2007

Es ist die neue Herausforderung im ärztlichen Alltag: sich nicht kaufen zu lassen, die Dinge konsequent beim Namen zu nennen und wo immer möglich weiterhin das zu tun, was die medizinische Situation erfordert und der Patient zurecht erwartet.

Gesundheitspolitik: Abstraktion statt Problemlösung

Dienstag, 15. Mai 2007

Wer die Qualität der medizinischen Versorgung gewährleisten oder gar verbessern will, darf nicht von den konkreten Problemen der Patienten abstrahieren, sondern muss sich ihnen zuwenden. Die derzeitige Bürokratisierung der ärztlichen Tätigkeit sowie die Blockierung des direkten Weges zwischen Arzt und Patient durch “Gate-Keeping” und andere “Managed Care”-Instrumente sind diesbezüglich Sand im Getriebe und arbeiten in die entgegengesetzte Richtung. Möglicherweise kann man durch solche Massnahmen Budgets kontrollieren, die konkrete Patientenversorgung vor Ort wird dadurch weder einfacher noch besser.

Das denkbar effizienteste und zugleich kostengünstigste “Gesundheitssystem” müsste doch eigentlich nur aus einem kranken Patienten und seinem gut ausgebildeten Arzt/Facharzt des Vertrauens bestehen. Jede dazwischen geschaltete zusätzliche Berufsgruppe erhöht den Aufwand, verlängert den Weg vom Leiden zur Hilfeleistung und verteuert das System. “Versicherungsmedizin” und “Vertrauensärzte” wurden geschaffen, um Versicherern zu helfen, sich wo immer möglich ihrer Versicherungspflicht zu entledigen. Wer wirklich den Versicherten helfen, die Qualität der ärztlichen Beurteilung und der medizinischen Versorgung verbessern will, muss Bürokratien abbauen und die qualifizierten professionellen Kräfte vor Ort stärken und ggf. ergänzen.

Medizin und Medien

Donnerstag, 10. Mai 2007

Die Art, wie die Medien medizinische Inhalte aufgreifen und bearbeiten hat eine Auswirkung darauf, wie seriös und differenziert Medizin mit ihren gesundheitspolitischen Aspekte in der Öffentlichkeit zur Wahrnehmung gebracht werden kann. Denn natürlich befinden sich auch Anbieter medialer Inhalte im wachsenden Markt unter einem Erfolgsdruck, der letztlich bestimmt, welche Inhalte “verwertbar” sind.

Im Streiflicht der aktuellen Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung schreibt Erhard Taverna:

“Auf dem für alle offenen Marktplatz medialer Angebote ist ein Kampf um Aufmerksamkeit entbrannt. Besonders gut verkaufen lassen sich neue und kontroverse Themen. Gesucht sind Normverletzungen und die Abweichung von gesellschaftlichen Erwartungen. Komplexes wird auf Personen reduziert, unablässig hergestellte Betroffenheit sorgt für Beachtung und Absatz. Die Folge dieser Verkaufsstrategie ist eine endemische Beunruhigung durch Dramatisierung und Skandalisierung. Diese Klaviatur der öffentlichen Erregung beeinflusst unsere Wahrnehmung von Risiken, was bis in die Gesetzgebung hineinwirkt.”

Folgen Sie dem Link und lesen Sie den gesamten Artikel “Medien und Medizin”

Veränderte Politik, veränderte Medizin

Mittwoch, 02. Mai 2007

Ich stelle fest, wie sich die Wahrnehmung und Bewertung von psychiatrischen Patienten und deren Leiden nun auch im “professionellen Lager” verändert. Statt der anfänglichen Proteste gegen die Art, wie psychische Störungen in der Politik neuerdings behandelt und Psychiater und Therapeuten in ihren Beurteilungen inhaltlich unter Druck gesetzt und in Frage gestellt werden, kann man zunehmend beobachten, wie doch eine ganze Reihe Professioneller offenbar einschwenken und selber die Sichtweise der Politik übernehmen. Immer öfter wird auch im kollegialen Austausch von “Sozialmissbrauch” gesprochen. Dabei bleibt unklar, wenn man im Stillen dafür verantwortlich hält, wo man doch selber (zurecht) überzeugt ist, Simulanten früher oder später zu erkennen…

In fachlichen Auseinandersetzungen ist es bereits seit zwei oder drei Jahren erheblich schwieriger geworden, bei Fragen der Arbeits- und Wiedereingliederungsfähigkeit den nötigen Raum für die Problematik des Patienten zu schaffen. Es ist, als sei die Wahrheit plötzlich nicht mehr vermittelbar, dass psychische Störungen oft ganzheitliche Beeinträchtigungen zur Folge haben und deshalb häufig mit Arbeitsunfähigkeit verbunden sind. Als werfe bereits die Beschäftigung mit dem Thema “Arbeitsunfähigkeit und Invalidität durch psychische Krankheit” Schatten auf denjenigen, der das zu gewissenhaft und zu differenziert tut. Ärzte, die sich um Patienten mit psychischen Störungen bemühen, sind zunehmend selber von der Stigmatisierung betroffen, unter der die ihre Patienten schon immer litten.

Die neue Sicht der Dinge ist zugleich die neue medizinische “Wahrheit”. Sie ist, weil es so sein soll und weil der Markt dies braucht, einfach und schnörkellos. Kompliziert ist megaout, was kompliziert ist, muss vereinfacht werden. Für die Psychiatrie – von Natur aus eher komplex und kompliziert, gilt dies natürlich in besonderem Masse.  Kommunizierbar ist, was einfach ist und von der vorgegebenen Sprache des Manuals abgedeckt werden kann. Einfache Diagnosen, einfache Befunde, einfache Herleitungen. Medizin für einfache Patienten mit einfachen Erkrankungen. Standardmedizin. Sachbearbeiterniveau. Wenn nicht jeder alles versteht, wurde es wohl nicht gut erklärt. Neulich beim kollegialen Austausch: “Du musst das anders formulieren, das versteht der IV-Sachbearbeiter nicht”. Zu komplizierter Sachverhalt oder “ungeschickte” Formulierung können bedeuten: Verlust des Versicherungsanspruches für den Patienten! Einerseits: Je umgangssprachlicher, umso verständlicher und desto weniger Nachfragen. Andererseits: “Depression” und “Burnout” hatte fast jeder mal, brauchts da wirklich einen Psychiater? Wer wirklich schaffen will, findet auch einen Weg. Und wer nach Mallorca fliegen oder sich im Café herumtreiben kann, kann auch schaffen. Der Arzt, der die gesellschaftlichen Vorurteile und die Fallstricke im gegenwärtigen Verteilungs- und Machtkampf bei seiner medizinischen Beurteilung berücksichtigt, ist ein guter Arzt.

Es ist selbstverständlich, dass der massiv verstärkte Druck von Politik und Versicherungen entsprechende Reaktionen der Professionellen zur Folge hat. V. a. in den Bereichen, in denen die medizinische Kompetenz vorwiegend aus Erfahrung besteht und sich nicht direkt in Zahlen ausdrücken und messen lässt (z. B. Psychiatrie), sind strategische Reaktionen zu beobachten, die darauf abzielen, sich selber aus der “Schussfläche” zu bringen. Das ist schon deshalb notwendig, weil sich die ohnehin sehr anstrengende eigentliche Arbeit anders im gewohnten Umfang und in der gewohnten Qualität gar nicht aufrecht erhalten liesse. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten dazu, in den Kliniken andere als im niedergelassenen Bereich. Die neue Herausforderung der Professionellen im Gesundheitswesen lautet: keine Kosten zu verursachen bzw. mit steigenden Gesundheitskosten nicht direkt in Verbindung gebracht werden zu können. Hier setzt die Kontrolle an, nicht am Behandlungserfolg!

Es ist erschreckend, in welchem Ausmass eine veränderte Politik in relativ kurzer Zeit zu einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung von kranken Menschen führt und wie schnell und kritiklos die Medizin ihre angestammten Wurzeln verlässt und sich dem neuen politischen Willen beugt. Dort, wo besonders wenig  zu messen ist und der Rechtfertigungsdruck deshalb besonders hoch scheint – in der Pychiatrie – erfolgt dieser Anpassungsprozess offenbar besonders schnell und unkritisch.

Managed Care und Datenschutz

Dienstag, 01. Mai 2007

Dass Managed Care sich nicht gut dem Datenschutz verträgt, ist einleuchtend. Denn Managed Care-Instrumente zielen ja direkt darauf ab, Medizin für politische und ökonomische Interessen Dritter transparent und steuerbar zu machen. Datenschutz inkl. das Arztgeheimnis sind dabei im Weg und deshalb bevorzugtes Angriffsziel.

Der Deutsche Ärztetag will nun offenbar aus diesen Gründen die Einführung der “elektronischen Geundheitskarte” ablehnen. Lesen Sie dazu den Artikel bei DailyNet.de:

http://www.dailynet.de/News-file-article-sid-2148.html


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