Budgetverantwortung
Mittwoch, 28. Februar 2007Ein zentrales Steuerinstrument von Managed Care-Projekten ist die Verpflichtung von Ärzten zur Übernahme einer Budgetmitverantwortung. Das heisst, Ärzte werden neu dafür verantwortlich gemacht und müssen Rechenschaft darüber ablegen, wieviel die Behandlung ihrer Patienten kostet. Wird das vereinbarte bzw. zugeteilte Budget überschritten, haftet der Arzt bzw. das Ärztenetzwerk und kann ggf. in Regress genommen werden, muss also aus eigener Tasche Geld zurückzahlen. Wieviel eine Behandlung kosten darf, richtet sich dabei nicht nach den medizinischen Gegebenheiten, sondern nach zuvor “ausgehandelten” Vorgaben.
Für einen Arzt, einen Gatekeeper, ein Ärztenetzwerk, welches nach Managed Care-Regeln arbeitet wird also jeder Patient, der unter einer schweren oder schwer kalkulierbaren Erkrankung leidet, in dessen Heilungsverlauf Komplikationen auftreten usw. zu einem Risikopatienten für den eigenen Geldbeutel und für die eigene Reputation gegenüber den Managed Care-Partnern. Dort, wo die eigentliche Heilkunst und v. a. die fachärztliche Tätigkeit normalerweise beginnt – bei der Behandlung komplexer Erkrankungen – wird ein Arzt oder ein Ärztenetzwerk mit Budgetverantwortung die Arbeit bereits einstellen und die Verantwortung abgeben bzw. ablehnen. Denn es lässt sich medizinisch nicht ausgebildeten SachbearbeiterInnen von Krankenkassen schlecht mit wenigen Worten vermitteln, warum die Heilung eines Patienten X länger dauert als die Heilung eines Patienten Y, der dieselbe Diagnose erhalten hat. Für Versicherer, die Managed Care-Verträge mit ihren Ärzten oder Ärztenetzwerken abgeschlossen haben, zählt nur die Diagnose und die vorher vereinbarte Zuordnung, wieviel die Behandlung bei so einer Diagnose kosten darf.
Was bei der Verpflichtung zur Übernahme einer Budgetverantwortung durch Ärzte passiert ist also Folgendes:
1. Der behandelnde Arzt/das Ärztenetzwerk wird sozusagen vertraglich gezwungen, das Versicherungsrisiko zu übernehmen, welches normalerweise der Versicherung eignet.
2. Der behandelnde Arzt/das Ärztenetzwerk muss, wenn es finanziell überleben und Regresszahlungen vermeiden will, seine Praxisplanung neu danach ausrichten, möglichst viele relativ gesunde Patienten bzw. solche mit einfachen, überschaubaren Erkrankungen mit guter Spontanheilung zu sammeln und solche mit schweren und gar psychischen Erkrankungen möglichst nicht zu behandeln oder erst dann, wenn ein ausreichend hohes Budget mit der Behandlung einfacher Patienten erwirtschaftet werden konnte.
3. Ärzte/Ärztenetzwerke unter Managed Care-Bedingungen kommen in einen systematischen und deshalb dauerhaften Konflikt, medizinische Notwendigkeiten gegen finanzielle Interessen von Versicherern abzuwägen und Leistungen gezielt zuzuteilen oder zu verweigern. Das ist eine völlig neue Rolle von Ärzten, die im traditionellen Verständnis des Arztberufes nicht vorhanden ist und diesem, ausser bei Katastropheneinsätzen mit knappen Mitteln, eindeutig entgegensteht.
4. Es ist evident, dass Ärzte, wenn sie einen grossen Teil ihrer Zeit und ihres Denkens auf das Thema Geld und ihr eigenes Management richten und sich unentwegt mit anderen Kollegen in puncto “preiswert” vergleichen müssen, weniger innere Kapazität zur Verfügung haben, ihre eigentliche Arbeit zu machen und sich darauf innerlich zu konzentrieren. Es ist ebenso evident, dass Ärzte, wenn sie neue Managementfunktionen übernehmen, sich in diesem neuen Tätigkeitsfeld erst einarbeiten müssen und darüber Gefahr laufen, medizinische Inhalte zu vernachlässigen. Denn Managed Care belohnt ja nicht den medizinisch erfolgreichen Arzt, sondern den preiswerten Arzt, der sich durch gute Management-Fähigkeiten zu Diensten der Versicherer auszeichnet. Ärzte werden im Bereich Management darüber hinaus nie in einen “echten Wettbewerb auf Augenhöhe” mit den Versicherern gelangen können, denn Versicherer sind Unternehmen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, sie betreiben das professionell und haben dabei keine inneren Konflikte, während Ärzte ja hauptberuflich eben doch Arzt sind und auch sein müssen, weil ja niemand anders diese Arbeit, um deren Vergütung sich alle reissen, übernehmen kann.
5. Die “Budgetverantwortung” bedeutet, wie aufgezeigt, dass Ärzte in einem neuen ständigen Rechtfertigungsdruck gegenüber Versicherern stehen, warum ihre Behandlungen soundsoviel kosten, warum Patienten nicht schon sofort gesund sind oder überhaupt erkranken. Es ist völlig klar, dass Ärzte, die in einem solchen Rechtfertigungsdruck stehen, auch unter enormen Druck geraten, Details der Behandlung preiszugeben. Wie sonst sollen sie im Einzelfall höhere Kosten rechtfertigen können. Es liegt auf der Hand: je kranker ein Patient, umso grösser ist die Gefahr, dass in einem Managed Care-System die ärztliche Schweigepflicht durchbrochen und der Patient damit schutzlos dem Einblick durch den Versicherer ausgeliefert ist.