In der herkömmlichen ambulanten medizinischen Versorgung ist der tätige Facharzt vor Ort in Diagnostik, Therapie und in der Wahl seiner Mittel ausschliesslich dem Wohl seines jeweiligen Patienten verpflichtet auf der Basis seines Fachwissens und seines Gewissens. Man spricht in diesem Sinne von der “Unabhängigkeit” des Arztes, von der “Therapiefreiheit” und von dem “Recht auf freie Berufsausübung”. Diese Freiheit des Arztes in der Ausübung seines Berufes bedeutet also Unabhängigkeit von medizinfremden Einflüssen und dient dem Schutz des Patienten und der Arzt-Patienten-Beziehung vor dem Zugriff Anderer, die n i c h t auf das Wohl des Patienten verpflichtet sind. Der Schutz der Arzt-Patienten-Beziehung wiederum ist die Basis des Vertrauens zwischen Patient und Arzt und damit ein unerlässlicher Bestandteil des ärztlichen Auftrages und im übrigen in vielen Bereichen auch des Therapieerfolges.
Im bisherigen Gesundheitssystem wird die “Qualität” dadurch “gesichert”, dass die Zulassung zur ärztlichen Tätigkeit an die Bewältigung hoher fachlicher und auch persönlicher Hürden gekoppelt ist. So ist sichergestellt, dass jeder approbierte Arzt über einen vergleichbares hohes Mass an Basiswissen verfügt, welches bereits dazu qualifiziert, den ärztlichen Beruf frei und ohne Einschränkung auszuüben. Fachärzte haben sich über dieses Basiswissen hinaus über mehrere Jahre zusätzliches Wissen in den einzelnen Fachbereichen angeeignet. In seinem Fachbereich ist der Facharzt der ausgewiesene Spezialist. Es gibt keine höhere medizinische Qualifikation als den Facharzttitel. Da sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland ohnehin nur Fachärzte zu Lasten der Sozialversicherungen abrechnen dürfen, ist also im bisherigen System eine Spitzenqualifikation bereits Standard!
Wir können ohne Abstriche sagen, dass dieses Modell der freien, durch entsprechende Aus- und Weiterbildung der tätigen Ärzte qualifizierten Gesundheitsversorgung sich lange vor “Erfindung” des Qualitätsmanagements und der Vertrauensärzte” bestens bewährt und der Medizin sowohl in Deutschland wie in der Schweiz internationale Spitzenplätze beschert hat. Die Medizin hatte unter diesen Bedingungen weder ein Qualitätsproblem, noch ein Vertrauensproblem.
Der Paradigmenwechsel zu “Managed Care”, d. h. zu einer medizinischen Versorung auf der Basis von vorgegebenen Standards und Leitlinien (Stichwort “Evidenzbasierte Medizin”), der Schaffung von “Ärzte-Netzwerken”, finanzieller Deckelung, Verpflichtung des Arztes zur Übernahme einer Budgetmitverantwortung, Externalisierung der Qualitätssicherung etc. soll der Propaganda zufolge folgendes bewirken:
- Einsparung unnötiger Behandlungs- und Verordnungskosten
- Steigerung der medizinischen Versorgungsqualität
Weder sagen die Befürworter von “Managed Care jedoch, wo genau sie das “Qualitätsproblem” der Medizin gesichtet haben, noch können sie angeben, wo bzw. bei welchem Arzt, in welchem Fachbereich etc. die “Gesundheitskosten zu hoch” sind oder gar “explodieren”. Da Ärzte ja nicht im rechtsfreien Raum arbeiten und Patienten nicht auf den Kopf gefallen sind, müsste es doch möglich sein, dort, wo solche Pannen und sogar Missbräuche geschehen, die Verantwortlichen zu identifizieren und entsprechend zu bestrafen.
Es ist m. E. nicht hilfreich, wenn das deutsche Gesundheitsministerium immer wieder sagt, “Ärzte haben wieder zuviel verordnet”, wenn man nicht sagt, w e r zuviel verordnet hat, w e r dieses “zuviel” beurteilt und warum man nicht einfach den Übeltäter dingfest macht und alle anderen Ärzte in Ruhe arbeiten lässt. So muss man denken, das Ministerium weiss gar nicht genau, ob da zuviel verordnet wird, es glaubt das vielleicht nur, weil die Ministerin denkt, man müsste auch mit weniger Geld auskommen können…
Überhaupt braucht der politische Wille in Sachen Gesundheitspolitik offensichtlich sehr wenig medizinischen Sachverstand und gesicherte Erkenntnisse, um zu entscheiden. Das steht im krassen Widerspruch zu den Anforderungen an Qualität, die das Gesundheitsministerium umgekehrt von den praktizierenden Ärzten erwartet.
Was nun bedeutet aber der mit soviel politischem Druck angestrebte Paradigmenwechsel konkret für die medizinische Versorgung? Was ändert sich für Patienten und ihre behandelnden Ärzte? Wie steht es bei “Managed Care” mit der Qualitätssicherung, wieviel kann gespart werden?
“Managed Care” bedeutet
- dass die “individuelle ärztliche Behandlung” durch ein “Patienten-Management” ersetzt wird, nicht mehr “Patient und behandelnder Arzt” sind die Basis dieses Gesundheitssystems, sondern ein “Netz von Dienstleistern und Kostenträgern”
- dass medizinische Hilfe nicht nach medizinischer Notwendigkeit und individueller Bedürftigkeit gewährt, sondern “verteilt” wird unter allen Patienten nach Massgabe eines vorgegebenen “Budgets”, welches nicht überschritten werden darf. Wenn also das Geld ausgegeben ist, gibt es auch keine Behandlung mehr, und der “Arzt mit Budegtverantwortung” muss mit Blick auf das begrenzte Budget bereits im Vorfeld entscheiden, wem er hilft und wem nicht, damit das Geld für alle reicht… Damit der Arzt auch tut, was er soll und nicht einfach trotzdem über das Budget hinaus behandelt, muss er bei Überschreitung des Budgets die entstandenen Behandlungskosten aus eigener Tasche zurückbezahlen!
- dass der freie Arztzugang und damit die freie Arztwahl abgeschafft wird.
- dass das Arztgeheimnis und das Vertrauen in der Arzt-Patienten-Beziehung dauerhaft bedroht sind.
- dass die Frage, was medizinisch notwendig ist, welche Medikamente wirken (dürfen), welche Untersuchungen sinnvoll sind, die gesamte praktische Medizin zur “Verhandlungssache” erklärt wird. Dazu wird mittels Verträgen ein künstliches “Spielfeld”, nämlich die “Kassenmedizin” geschaffen und von den Erkenntnissen der medizinischen Lehre ein Stück weit abgekoppelt. Mit “Medizin” hat “Kassenmedizin” nichts zu tun, denn sie hat den Sinn, die Anwendung von Medizin am kranken Menschen zu verhindern!)
- dass auch das Leiden und die medizinische Bedürftigket kranker Menschen relativiert und zur Verhandlungssache zwischen den verschiedenen medizinfremden Interessegruppen und neuen “Mitspielern” im Gesundheitsmarkt erklärt wird
- dass Ärzte durch den Zwang zur Übernahme einer “Budgetmitverantwortung” und durch Androhung von “Regresszahlungen” gefügig gemacht und also instrumentalisiert werden, den Sparzielen oberste Priorität auch bei ihren ärztlichen Entscheidungen einzuräumen.
- dass andere Ärzte, sogenannte “Vertrauensärzte“, in Stellung gebracht und dafür (sehr gut von Versichertenbeiträgen) bezahlt werden, die Entscheidungen ihrer behandelnden Kollegen dahingehend zu “kontrollieren”, dass diese im Endeffekt weniger (verrechenbare) Leistungen erbringen können. Für diese Tätigkeit benötigt ein Vertrauensarzt in der Schweiz nicht einmal dieselbe fachliche Qualifikation wie der Kollege, den er kontrollieren soll!
- dass Versicherer ermächtigt werden, behandelnde Ärzte so lange mit nutzloser und gering honorierter Bürokratie (sogenannte verlangte Arztberichte) zuzuschütten (“Krankenkassen-Spamming”), dass diese immer weniger Zeit haben, Patienten zu behandeln und also auch immer weniger “Behandlungskosten” generieren können
- dass Ärzte, obwohl sie wie beschrieben in ihrer fachgerechten Berufsausübung gezielt blockiert, in ihren Kompetenzen beschnitten und auf medizinfremde ökonomische Interessen verpflichtet werden, weiterhin alleine für die Behandlungsergebnisse und die Behandlungsqualität verantwortlich bleiben!
“Managed Care” ist also ein Instrument, um eine Veränderung im Gesundheitswesen zu erzwingen, die sich von alleine nicht herstellt, weil die Betroffenen dies nicht wollen: die Vorherrschaft ökonomischer Interessen und Motive über die Bedürftigkeit kranker Menschen und die medizinische Vernunft!
“Managed Care” entkoppelt mit entsprechenden Verträgen das Gesundheitssystem von der medizinischen Lehre einerseits und der ärztlichen Erfahrung andererseits. Nicht mehr das Lehrbuch oder die Urteilskraft des behandelnden Facharztes entscheiden, ob eine Diagnostik oder eine Therapie “medizinisch notwendig” ist und ob also die Kosten “versichert” sind, sondern die Versicherer selber mit Hilfe der für sie arbeitenden Ärzte, der “Vertrauensärzte”.
Medizin zu Lasten der Sozialversicherungsträger lässt sich also unter “Managed Care” nur noch dann für die Behandlung kranker Menschen nutzen, wenn dies nicht mit dem Budget kollidiert, nicht von irgendeiner “Liste” bereits von der Erstattung ausgeschlossen ist etc..
Individuelle medizinische Behandlungen, wie sie in vielen medizinischen Bereichen für den Erfolg unumgänglich sind (z. B. bei der Behandlung vielfach erkrankter und chronisch kranker Menschen, in der Psychiatrie und Psychotherapie etc.) und die ja gerade die eigentliche ärztliche Kunst ausmachen, werden unter “Managed Care” systematisch ausgebremst und verhindert.
“Managed Care” bedeutet:
“Standardmedizin” für “Standardpatienten” mit “Standarderkrankungen”. Für alles andere ist “Managed Care” eine Gefahr!
Vor diesem Hintergrund ist es nichts als Zynismus, die Angst der Patienten und die Warnung von Ärzten vor einer Zwei-Klassen-Medizin in den Wind zu schlagen. Im Gegenteil: es wäre völlig unverantwortlich, auch ausserhalb der staatlichen Einheitsversorgung die ärztliche Tätigkeit auf dem Level von “Managed Care” einzufrieren.
Dass “Managed Care” im Vergleich zum herkömmlichen Gesundheitssystem tatsächlich “kostengünstiger” ist, darf nach Studienlage und auch nach gesundem Menschenverstand bezweifelt werden. Der kürzeste Weg zwischen Arzt und Patient ist sicher auch der kostengünstigste, “Managed Care” aber hat systematisch die Verlängerung dieses Weges zum Ziel.
Und so gibt es auch Studien die zeigen, dass die gewaltige Ersatzbürokratie und die vielen weiteren Berufsgruppen, die bei “Managed Care” neu geschaffen und alle bezahlt werden müssen, die beim Patienten eingesparten medizinischen Kosten mindestens neutralisieren, wahrscheinlich aber deutlich übersteigen. Diese Instanzen dienen ja nur dazu, die Erbringung ärztlicher Leistungen zu verhindern oder zu verzögern oder bereits erbrachte Leistungen zu “sichern” und zu “kontrollieren”! Das stetige Ansteigen der Krankenkassenbeiträge in Deutschland, das ständig neue Jammern über “Kostenexplosionen” trotz Budgetierung, Niederlassungsstop, Standardisierung etc.. könnte ein Hinweis sein, dass diese Studien sich bewahrheiten.