Managed Care, Gesundheitskosten, Effizienz und medizinische Qualität
In Managed Care-Systemen werden Ärzte mittels manipulativer Energie (“Anreize” und “Instrumente”) in einen “Wettbewerb” untereinander gebracht. Ziel dieser Aktion soll sein, das bisherige medizinische Versorgungssystem nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten neu zu organisieren und es damit kostengünstiger, effizienter und sogar qualitativ besser zu machen.
Managed Care ist nicht ganz neu. Längst sind die zu Lasten der Sozialversicherungsträger arbeitenden Ärzte in der Schweiz mit diversen Managed Care-Elementen konfrontiert. Dazu gehören z. B. “Niederlassungsstop”, “Tarmed”-System mit Abrechnung nach flexibel anpassbaren Taxpunktwerten, vertragliche “Verpflichtung zur Wirtschaftlichkeit” und “Kostenneutralität”. die neu gegründete “Versicherungsmedizin” mit dem Heer von Vertrauensärzten, die fachärztliche Beurteilungen im Auftrag der Versicherungen hinterfragen dürfen etc..
Bereits diese zahlreichen Veränderungen und Kontrollinstrumente schlagen sich spürbar in der alltäglichen Arbeit nieder. Zusammenfassend kann man sagen, sie bewirken genau das, was sie ihren Erfindern gemäss bewirken sollen: sie bremsen und blockieren! Sie verkomplizieren die Behandlung der Patienten, sie verlängern Entscheidungswege, verlagern die Arbeit vom Patienten weg zum Schreibtisch und verlängern damit das Leiden und die Hilflosigkeit. Sie machen zunehmend unabhängige Gegengutachten notwendig, um geschädigten Patienten auf dem Rechtsweg doch noch zu ihrer Versicherungsleistung zu verhelfen, auf die sie dringend angewiesen sind. Uns Ärzte machen sie natürlich auch sauer und mürbe.
Folgendes aber tun sie, bisher zumindest, ganz sicher nicht:
- Kosten sparen
- die medizinische Qualität verbessern
- die Effizienz der Arbeit erhöhen
Zu den Kosten:
Die Kosten meiner Arbeit haben sich seit Einführung des Tarmed eindeutig verteuert. Der Aufwand für die Behandlung hat sich nämlich für dieselben medizinischen Sachverhalte deutlich erhöht, Tendenz steigend. Obwohl mein eigenes Honorar aktuell sinkt, weil der künstlich erzeugte bürokratische Aufwand geringer vergütet wird, als meine dadurch verhinderte Arbeit mit dem Patienten, wird das “System” trotz Reduktion ärztlicher Leistungen insgesamt teurer, weil es künstlich aufgebläht wird und eine Vielzahl neuer Berufsgruppen (Kontrolleure, Vertrauensärzte, Case Manager, Qualitätssicherer etc.) beschäftigt, die alle langfristig von denselben Versichertengeldern mitfinanziert werden müssen.
Zur medizinischen Qualität:
Keine einzige Depression, keine schizophrene Psychose, keine Angststörung ist schneller abgeheilt, weil jetzt mehr “Druck” im System ist und weil ich jetzt häufigere Briefwechsel in Sachen Rechtfertigung habe. Im Gegenteil. Seit die Patienten zunehmend direkt von den Versicherern unter Druck gesetzt werden (v. a. im Taggeldbereich) und von ihren “Case Managern” bedrängt werden, habe ich häufig Rückfälle und Störungen des Heilungsverlaufes verzeichnen müssen. Es lässt sich nicht ändern: bei psychischen Störungen ist “Druck” nicht nur nicht geeignet, Heilungsprozesse zu beschleunigen, sondern bewirkt das Gegenteil. Zumindest im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie schaden die “Anreize” und “Instrumente” von Managed Care der medizinischen Qualität ganz offensichtlich und gefährden die Therapieergebnisse.
Deshalb ist es dringend erforderlich, dass die Managed Care-Strategen gesetzlich verpflichtet werden, ihr Management an den medizinischen Gegebenheiten auszurichten. Auch die Frage der Haftung für Schäden durch manipulative Eingriffe in ärztliche Behandlungen und Nichtbeachtung ärztlicher Weisungen durch Case Manager muss gesetzlich geregelt werden.
Zur Effizienz:
Die Medizin wird durch Standardisierung, erzwungene Netzwerke, Budgetierung und andere Stellschrauben zunächst einmal grob vereinfacht, in manchen Fachbereichen bis zur Unkenntlichkeit. Das ist unter Managed Care notwendig, weil ja die Fachärzte vor Ort als “Sachverständige” ausgedient haben und durch das zentrale medizin-unkundige “Management” ersetzt werden müssen. Kein medizinischer Gedanke und Zusammenhang darf deshalb unter Managed Care komplizierter sein, als ein Sachbearbeiter der Krankenkasse nachvollziehen kann oder in einem “Manual” für jedermann nachzulesen ist. Natürlich lässt sich eine solchermassen “entschlackte” und simplifizierte Medizin “effizienter” steuern und verwalten. Das Problem ist bloss: Effizienter wird durch diese Strukturierungen und Prozess-Optimierungen allenfalls der Apparat selber und seine Verwaltung, nicht aber die Medizin. Dem Apparat fehlt der Bezug zur Heilkunde und Heilkunst. Diese bleiben natürlich genauso kompliziert wie zuvor und brauchen die Zeit, die sie eben brauchen. Weil Managed Care-Ärzte systematisch an ihrer eigentlichen Arbeit gehindert werden, wird die medizinische Effizienz ihrer Arbeit in dem Masse abnehmen, wie sie ihre Energie darauf verwenden müssen, ein “guter” Managed Care-Doktor zu werden und d. h. zuallererst das vorgegebene Budget nicht zu überschreiten.
07. Oktober 2007 um 13:57
Danke für den super Beitrag. Die Aussagen kann ich zu 100% unterschreiben. Was dazu jedoch wichtig wäre: Die Zahlen werden in der ganzen Diskussion als Pauschalen veröffentlicht. Keiner weiss genau, welches wirklich medizinische Zahlen und welches Ballast – und Management Teile davon sind. Im Sinne der transparenten Zahlen finde ich das sonderbar (oder vielleicht sogar beweisend für die Richtigkeit der Aussagen des Artikels), dass alle Aufsplittung der Kosten in den Statistiken tunlichst vermieden werden. Es würde bei Reduktion der Zahlen um den entsprechenden administrativen Aufwand herauskommen, dass sich die Kosten vom Patienten weg in Richtung Management und Bürokratie verschoben hätten. Das wollen aber viele nicht, die gerade auch im Bereich Politik angesiedelt sind und dazu auch in der Privatindustrtie als Manager, Organisator, Softwareentwickler und ähnliches von den Kosten für Kranke aus dem Gesundheitswesen profitieren, d.h. die Gesetzessituation schamlos ausnutzen…..
Naja man könnte lange weiter diskutieren. Nochmals Danke für den Beitrag….. AG