Managed Care und Psychiatrie

Warum ist Managed Care so schlimm für die Psychiatrie und Psychotherapie? Warum schreibe ich mir die Finger wund und geb nicht einfach Ruhe…?

Der Grund ist: Managed Care schafft Bedingungen, unter denen eine qualitativ gute psychiatrische und psychotherapeutische Arbeit nicht mehr möglich sein wird. Und der zu befürchtende Umstand, dass sich nach einiger Zeit viele Ärzte und Therapeuten, vielleicht sogar auch Patienten daran gewöhnt haben werden, ändert an dieser Tatsache gar nichts! Managed Care ist so ziemlich mit allem unvereinbar, was sich in der Psychiatrie und Psychotherapie als hilfreich und wirksam erwiesen hat: Zeit, Vertrauen, Subjektivität, Niederschwelligkeit des Angebotes, der Verzicht auf Manipulation und die prinzipielle Offenheit des therapeutischen Weges.

Unter Managed Care-Bedingungen

- werden noch mehr psychisch kranke Menschen zu spät zum Facharzt gelangen

- werden sich die messbaren Therapie-Ergebnisse in der Psychiatrie und Psychotherapie spürbar verschlechtern,

weil

  1. die leicht- bis mittelschwer Erkrankten, die bei frühzeitiger Erkennung und fachärztlicher Behandlung eine gute Heilungserwartung hätten, aus “Kostengründen” vom “Gatekeeper” zunächst selber behandelt und erst bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes, wenn auch die Prognose sich verschlechtert hat, zum Facharzt weitergeleitet werden
  2. dadurch für die psychiatrischen Fachärzte also vorzugsweise die sehr kranken Patienten mit schlechter Heilungsprognose zum Stammklientel werden
  3. die immer knappere Zeit und der Druck zur Standardisierung von Therapie und Zeitdauer auch ohne medizinische Notwendigkeit einen vermehrten Einsatz von Psychopharmaka begünstigen wird – mit den bekannten negativen Folgen von Missbrauch und Abhängigkeit, die sich aber ja erst wesentlich später (nach “Abschluss” der Therapie?) zeigen
  4. Patienten sich nicht mehr rückhaltlos anvertrauen werden, wenn ihre Geheimnisse beim Therapeuten nicht mehr geschützt sind, sondern u. U. auch dem “Gatekeeper” mitgeteilt werden müssen, weil dieser über die Fortführung der Behandlung entscheidet und nicht der behandelnde Arzt

Wir wissen, dass die ambulante Situation andere Therapieerfolge zustande bringen kann als die stationäre oder institutionalisierte Behandlung. Ein Grund ist der deutlich geschütztere und privatere Rahmen in einer Einzelpraxis. Viele Patienten, die sich niemals in eine stationäre Behandlung oder in den halböffentlichen Rahmen eines psychosozialen Dienstes begeben würden, können doch irgendwann die vergleichsweise niedrige Hürde des Ganges zum niedergelassenen Psychiater überwinden und dann tatsächlich auch profitieren. Managed Care schafft de facto die psychiatrisch-psychotherapeutische Einzelpraxis und damit das niederschwellige Therapieangebot ab und schafft flächendeckend “Institutionen”, die äusserlich den ambulanten Diensten ähneln. Zusätzlich aber “vernetzt” Managed Care noch diese institutionalisierten Ärzte über ein vorgegebenes Budget, welches nicht überschritten werden darf und über welches Rechenschaft bis zur persönlichen Haftbarkeit abgelegt werden muss. Das verändert die medizinische Arbeit in einer bisher nicht dagewesenen Weise. Die zwangsläufige und auch explizit beabsichtigte Folge ist eine Aufweichung des Schutzes der vertraulichen Arzt-Patienten-Beziehung und der Schweigepflicht. Dies bedeutet das “Aus” für eine qualitativ hochwertige psychiatrisch-psychotherapeutische Arbeit auf dem regulären Weg.

Und wenn ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie etwas anderes behaupten sollte, dann lohnt es sich, ganz genau nachzufragen und hinzuschauen, was ihn dazu motiviert und ob er vielleicht einen persönlichen Nutzen davon haben könnte, den allgemein anerkannten Zusammenhang zwischen Vertrauen und geschützter Arzt-Patienten-Beziehung einerseits und Therapieerfolg andererseits nicht zu kennen.

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