Archiv für Januar 2007

Managed Care, Gesundheitskosten, Effizienz und medizinische Qualität

Montag, 29. Januar 2007

In Managed Care-Systemen werden Ärzte mittels manipulativer Energie (“Anreize” und “Instrumente”) in einen “Wettbewerb” untereinander gebracht. Ziel dieser Aktion soll sein, das bisherige medizinische Versorgungssystem nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten neu zu organisieren und es damit kostengünstiger, effizienter und sogar qualitativ besser zu machen.

Managed Care ist nicht ganz neu. Längst sind die zu Lasten der Sozialversicherungsträger arbeitenden Ärzte in der Schweiz mit diversen Managed Care-Elementen konfrontiert. Dazu gehören z. B. “Niederlassungsstop”, “Tarmed”-System mit Abrechnung nach flexibel anpassbaren Taxpunktwerten, vertragliche “Verpflichtung zur Wirtschaftlichkeit” und “Kostenneutralität”. die neu gegründete “Versicherungsmedizin” mit dem Heer von Vertrauensärzten, die fachärztliche Beurteilungen im Auftrag der Versicherungen hinterfragen dürfen etc..

Bereits diese zahlreichen Veränderungen und Kontrollinstrumente schlagen sich spürbar in der alltäglichen Arbeit nieder. Zusammenfassend kann man sagen, sie bewirken genau das, was sie ihren Erfindern gemäss bewirken sollen: sie bremsen und blockieren! Sie verkomplizieren die Behandlung der Patienten, sie verlängern Entscheidungswege, verlagern die Arbeit vom Patienten weg zum Schreibtisch und verlängern damit das Leiden und die Hilflosigkeit. Sie machen zunehmend unabhängige Gegengutachten notwendig, um geschädigten Patienten auf dem Rechtsweg doch noch zu ihrer Versicherungsleistung zu verhelfen, auf die sie dringend angewiesen sind. Uns Ärzte machen sie natürlich auch sauer und mürbe.
Folgendes aber tun sie, bisher zumindest, ganz sicher nicht:

- Kosten sparen

- die medizinische Qualität verbessern

- die Effizienz der Arbeit erhöhen

Zu den Kosten:

Die Kosten meiner Arbeit haben sich seit Einführung des Tarmed eindeutig verteuert. Der Aufwand für die Behandlung hat sich nämlich für dieselben medizinischen Sachverhalte deutlich erhöht, Tendenz steigend. Obwohl mein eigenes Honorar aktuell sinkt, weil der künstlich erzeugte bürokratische Aufwand geringer vergütet wird, als meine dadurch verhinderte Arbeit mit dem Patienten, wird das “System” trotz Reduktion ärztlicher Leistungen insgesamt teurer, weil es künstlich aufgebläht wird und eine Vielzahl neuer Berufsgruppen (Kontrolleure, Vertrauensärzte, Case Manager, Qualitätssicherer etc.) beschäftigt, die alle langfristig von denselben Versichertengeldern mitfinanziert werden müssen.

Zur medizinischen Qualität:

Keine einzige Depression, keine schizophrene Psychose, keine Angststörung ist schneller abgeheilt, weil jetzt mehr “Druck” im System ist und weil ich jetzt häufigere Briefwechsel in Sachen Rechtfertigung habe. Im Gegenteil. Seit die Patienten zunehmend direkt von den Versicherern unter Druck gesetzt werden (v. a. im Taggeldbereich) und von ihren “Case Managern” bedrängt werden, habe ich häufig Rückfälle und Störungen des Heilungsverlaufes verzeichnen müssen. Es lässt sich nicht ändern: bei psychischen Störungen ist “Druck” nicht nur nicht geeignet, Heilungsprozesse zu beschleunigen, sondern bewirkt das Gegenteil. Zumindest im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie schaden die “Anreize” und “Instrumente” von Managed Care der medizinischen Qualität ganz offensichtlich und gefährden die Therapieergebnisse.
Deshalb ist es dringend erforderlich, dass die Managed Care-Strategen gesetzlich verpflichtet werden, ihr Management an den medizinischen Gegebenheiten auszurichten. Auch die Frage der Haftung für Schäden durch manipulative Eingriffe in ärztliche Behandlungen und Nichtbeachtung ärztlicher Weisungen durch Case Manager muss gesetzlich geregelt werden.

Zur Effizienz:

Die Medizin wird durch Standardisierung, erzwungene Netzwerke, Budgetierung und andere Stellschrauben zunächst einmal grob vereinfacht, in manchen Fachbereichen bis zur Unkenntlichkeit. Das ist unter Managed Care notwendig, weil ja die Fachärzte vor Ort als “Sachverständige” ausgedient haben und durch das zentrale medizin-unkundige “Management” ersetzt werden müssen. Kein medizinischer Gedanke und Zusammenhang darf deshalb unter Managed Care komplizierter sein, als ein Sachbearbeiter der Krankenkasse nachvollziehen kann oder in einem “Manual” für jedermann nachzulesen ist. Natürlich lässt sich eine solchermassen “entschlackte” und simplifizierte Medizin “effizienter” steuern und verwalten. Das Problem ist bloss: Effizienter wird durch diese Strukturierungen und Prozess-Optimierungen allenfalls der Apparat selber und seine Verwaltung, nicht aber die Medizin. Dem Apparat fehlt der Bezug zur Heilkunde und Heilkunst. Diese bleiben natürlich genauso kompliziert wie zuvor und brauchen die Zeit, die sie eben brauchen. Weil Managed Care-Ärzte systematisch an ihrer eigentlichen Arbeit gehindert werden, wird die medizinische Effizienz ihrer Arbeit in dem Masse abnehmen, wie sie ihre Energie darauf verwenden müssen, ein “guter” Managed Care-Doktor zu werden und d. h. zuallererst das vorgegebene Budget nicht zu überschreiten.

Managed Care – definiert von der VISANA

Montag, 29. Januar 2007

Auf ihrer Webseite definiert die VISANA Managed Care folgendermassen:

“Managed Care beinhaltet sämtliche Massnahmen zur Beeinflussung der Leistungskosten. Managed Care ist ein Behandlungsmanagement, das Anreize und Instrumente schafft, welche Leistungserbringer und Versicherte motivieren und befähigen, die Gesundheitsversorgung effizienter und günstiger anzubieten resp. zu beanspruchen. Ziel von Managed Care ist die Optimierung des Behandlungsprozesses, d.h. die Erhöhung der Qualität und die Reduktion der Kosten (Steigerung der Effizienz nach Marktmethoden).”

Quelle: http://www.visana.ch

Im ersten Satz steht, worum es bei Managed Care geht: um die Leistungskosten.

Im zweiten Satz wird angedeutet, was genau erreicht werden soll (Gesundheitsversorgung effizienter und günstiger anzubieten) und wie es erreicht werden soll (durch Errichtung eines Managementsystems mit Anreizen und Instrumenten).

Im dritten Satz steht dann plötzlich der Begriff der “Qualität”. Was aber hat die “Steigerung der Effizienz nach Marktmethoden” mit medizinischer Qualität zu tun?

Managed Care und Psychiatrie

Sonntag, 28. Januar 2007

Warum ist Managed Care so schlimm für die Psychiatrie und Psychotherapie? Warum schreibe ich mir die Finger wund und geb nicht einfach Ruhe…?

Der Grund ist: Managed Care schafft Bedingungen, unter denen eine qualitativ gute psychiatrische und psychotherapeutische Arbeit nicht mehr möglich sein wird. Und der zu befürchtende Umstand, dass sich nach einiger Zeit viele Ärzte und Therapeuten, vielleicht sogar auch Patienten daran gewöhnt haben werden, ändert an dieser Tatsache gar nichts! Managed Care ist so ziemlich mit allem unvereinbar, was sich in der Psychiatrie und Psychotherapie als hilfreich und wirksam erwiesen hat: Zeit, Vertrauen, Subjektivität, Niederschwelligkeit des Angebotes, der Verzicht auf Manipulation und die prinzipielle Offenheit des therapeutischen Weges.

Unter Managed Care-Bedingungen

- werden noch mehr psychisch kranke Menschen zu spät zum Facharzt gelangen

- werden sich die messbaren Therapie-Ergebnisse in der Psychiatrie und Psychotherapie spürbar verschlechtern,

weil

  1. die leicht- bis mittelschwer Erkrankten, die bei frühzeitiger Erkennung und fachärztlicher Behandlung eine gute Heilungserwartung hätten, aus “Kostengründen” vom “Gatekeeper” zunächst selber behandelt und erst bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes, wenn auch die Prognose sich verschlechtert hat, zum Facharzt weitergeleitet werden
  2. dadurch für die psychiatrischen Fachärzte also vorzugsweise die sehr kranken Patienten mit schlechter Heilungsprognose zum Stammklientel werden
  3. die immer knappere Zeit und der Druck zur Standardisierung von Therapie und Zeitdauer auch ohne medizinische Notwendigkeit einen vermehrten Einsatz von Psychopharmaka begünstigen wird – mit den bekannten negativen Folgen von Missbrauch und Abhängigkeit, die sich aber ja erst wesentlich später (nach “Abschluss” der Therapie?) zeigen
  4. Patienten sich nicht mehr rückhaltlos anvertrauen werden, wenn ihre Geheimnisse beim Therapeuten nicht mehr geschützt sind, sondern u. U. auch dem “Gatekeeper” mitgeteilt werden müssen, weil dieser über die Fortführung der Behandlung entscheidet und nicht der behandelnde Arzt

Wir wissen, dass die ambulante Situation andere Therapieerfolge zustande bringen kann als die stationäre oder institutionalisierte Behandlung. Ein Grund ist der deutlich geschütztere und privatere Rahmen in einer Einzelpraxis. Viele Patienten, die sich niemals in eine stationäre Behandlung oder in den halböffentlichen Rahmen eines psychosozialen Dienstes begeben würden, können doch irgendwann die vergleichsweise niedrige Hürde des Ganges zum niedergelassenen Psychiater überwinden und dann tatsächlich auch profitieren. Managed Care schafft de facto die psychiatrisch-psychotherapeutische Einzelpraxis und damit das niederschwellige Therapieangebot ab und schafft flächendeckend “Institutionen”, die äusserlich den ambulanten Diensten ähneln. Zusätzlich aber “vernetzt” Managed Care noch diese institutionalisierten Ärzte über ein vorgegebenes Budget, welches nicht überschritten werden darf und über welches Rechenschaft bis zur persönlichen Haftbarkeit abgelegt werden muss. Das verändert die medizinische Arbeit in einer bisher nicht dagewesenen Weise. Die zwangsläufige und auch explizit beabsichtigte Folge ist eine Aufweichung des Schutzes der vertraulichen Arzt-Patienten-Beziehung und der Schweigepflicht. Dies bedeutet das “Aus” für eine qualitativ hochwertige psychiatrisch-psychotherapeutische Arbeit auf dem regulären Weg.

Und wenn ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie etwas anderes behaupten sollte, dann lohnt es sich, ganz genau nachzufragen und hinzuschauen, was ihn dazu motiviert und ob er vielleicht einen persönlichen Nutzen davon haben könnte, den allgemein anerkannten Zusammenhang zwischen Vertrauen und geschützter Arzt-Patienten-Beziehung einerseits und Therapieerfolg andererseits nicht zu kennen.

Eugen Roth über seelische Schmerzen

Sonntag, 28. Januar 2007

“Es ist faszinierend, was seelische Schmerzen bei einem Menschen anrichten können, der in keiner Weise schwach oder hinfällig ist. Seelische Schmerzen sind heimtückischer als körperliche, denn sie können nicht durch Morphiuminfusionen, Spinalanästhesie oder oder eine Operation gelindert werden. Wenn Sie einen einmal in ihrem Griff haben, ist es, als könnte einen erst der Tod von ihnen erlösen. Es ist harter, grausamer Realismus, wie man ihn sonst nirgends findet.”

(Eugen Roth: Der menschliche Makel)

Die Gesundheitsreformen sind unehrlich!

Freitag, 26. Januar 2007

Was mich besonders stört an den Gesundheitsreformen in Deutschland und in der Schweiz, ist ihre Unehrlichkeit.

Man redet von “Qualität”, “Effizienz”, “Optimierung der Handlungsabläufen” und erzeugt den Eindruck, Ziel sei eine Verbesserung der Medizin und der medizinischen Versorgung.

Das aber kann nicht die Wahrheit sein. Denn die flächendeckend errichteten Kontroll- und Management-Strukturen, in die das Gesundheitswesen hinein gezwängt wird, haben gar keinen Bezug zu den Inhalten der medizinischen Praxis. Sie bilden nicht ab und sichern auch nicht, was Patienten und Ärzte im gemeinsamen Kampf gegen eine Erkrankung benötigen. Im Gegenteil: sie sind eine Erschwernis für die tägliche ärztliche Praxis und behindern den Patienten dabei, direkt den Arzt seines Vertrauens aufzusuchen!
Gesagt wird, es gehe um die Verbesserung der medizinischen Versorgungsqualität. Was geschieht ist jedoch etwas ganz anderes: Die praktische Medizin wird mit politischem Druck und mit Hilfe eines geschickten Vertragswerkes medizinfremden Inhalten und Zielen verpflichtet, dazu auf ein standardisierbares und kontrollierbares Mittelmass reduziert und in ihren Abläufen fächerübergreifend gleichgeschaltet. Dieselben Abläufe, dasselbe Denken und dieselben Qualitäts-Standards in der Labormedizin wie in der Inneren Medizin, in der Frauenheilkunde oder in der Psychiatrie und Psychotherapie.

Nichts hat das mit den Bedürfnissen kranker Menschen und den vielfältigen medizinischen Gegebenheiten zu tun. Es ist nicht erkennbar, dass die Verantwortlichen dieser Reformen sich überhaupt je mit medizinischen Inhalte vertraut gemacht haben, dass sie verstehen, wie angewandte Medizin funktioniert. Unter den künstlich erschwerten Bedingungen, die sie produzieren, werden Ärzte und Patienten ständig nach neuen Wegen suchen müssen, trotzdem zu Behandlungserfolgen kommen zu können.

Es ist leicht zu erkennen: Der Schwerpunkt der Reformen liegt eindeutig auf Kontrolle und Manipulation und nicht auf Verbesserung der Qualität. Genau deshalb verlangt die “Qualitätssicherung” in solchen Systemen einen derartigen zusätzlichen Aufwand, weil sie nicht, wie behauptet, per se gewährleistet, sondern als Folge der ständigen Manipulationen andauernd bedroht ist.

Psychiatrie

Mittwoch, 24. Januar 2007

Überall Gerede über Leute, die zum Psychiater gehen und sich ein Attest holen, um nicht arbeiten zu müssen. Das sind die, die unser Sozialsystem ausbeuten. So muss es ja bergab gehen. So kann es nicht weitergehen.

Die Rede ist von Menschen, die unverschuldet krank geworden, in eine schwere Lebenskrise geraten sind oder die Orientierung, den Bezug zu sich selbst oder zu anderen Menschen, zur Realität verloren haben. Menschen, die von inneren Stimmen geplagt, von Selbstzweifeln zerfressen und gelähmt, von Ängsten und Panik gequält, von Zwängen beherrscht werden. Auch von Menschen, die einfach überfordert oder erschöpft sind, tief erschöpft.
Probleme und Beschwerden – Behinderungen -, die sich ein Mensch, der bisher das Glück hatte, davon verschont zu bleiben, unter Aufbietung nicht wirklich vorstellen kann. Beschwerden, die sich schleichend entwickeln oder die plötzlich da sind, die über einen hereinbrechen, einen in Besitz nehmen, übermächtig sind. Die das Leben verändern. Und natürlich das innere Erleben.
Viele Menschen, die unverschuldet und plötzlich zu Patienten werden, haben grosse Schwierigkeiten, überhaupt zu erklären, was mit ihnen geschehen ist, warum sie sich zurückziehen, hilflos sind und am üblichen Leben nicht mehr teilhaben und teilnehmen können. Sie fühlen sich schlecht, als Versager, haben Angst oder erfahren von Anderen, dass sie sich verändert haben und Hilfe annehmen sollten. Viele warten lange, viel zu lange, bis sie sich einem Menschen anvertrauen. Es sei denn, die Veränderung ist so unverkennbar, dass sie sie nicht verheimlichen können. Dann schämen sie sich in der Regel besonders, denn sie fühlen sich nicht nur unverstanden, sondern auch nackt und blossgestellt, stigmatisiert.

Arbeitgeber und Mitarbeiter haben in der Regel wenig Verständnis, wenn solche Menschen plötzlich oder schon lange nicht mehr funktionieren und sich gar durch “Auszeiten” zu regenerieren versuchen. Schliesslich bleibt die Arbeit liegen, und man weiss ja auch nicht genau… wenn es sich jeder so einfach machen würde… Noch weniger verstehen sie, wenn solche erkrankten Mitarbeiter sogar eine “ausgestreckte Hand” (wir können doich miteinander reden…) nicht annehmen, weil sie sich schämen oder eben doch kein Vertrauen haben. Angehörige sind oft erschreckt oder verärgert, wenn das Zusammenleben nicht mehr funktioniert und nicht klar ist, warum. Menschen mit behandlungsbedürftigen psychischen Störungen sind, bevor sie zu “Patienten” werden, auch häufig nicht die Umgänglichsten, weder zu Hause, noch am Arbeitsplatz. Es benötigt meist eine Weile, bis sie selber merken und sich eingestehen können, dass etwas wirklich nicht stimmt und sie Hilfe benötigen.

Der Gang zum Hausarzt kann der erste hilfreiche Schritt sein. Aber auch nur, wenn dieser die Bedeutung psychischer Störungen erkannt hat und nicht zu den Ärzten gehört, die die Ängste und Vorbehalte der Gesellschaft vor der Psychiatrie und Psychotherapie teilen. Naturgemäss haben Hausärzte wenig Zeit, sich in die veränderte Welt dieser Menschen einzufühlen und sich mit ihnen auf die oft mühsame Suche nach einer Lösung zu machen. Deshalb ist es ganz entscheidend, dass sehr früh die Überweisung zu einem Psychiater und/oder Psychotherapeuten erfolgt. Zwei Gründe ziehen diesen Schritt oft monate- oder jahrelang hinaus: Die Angst der Patienten vor dem Psychiater und der Stigmatisierung und/oder das Bedürfnis des Hausarztes, es “erst einmal selber zu versuchen”.

Viele solcher Menschen, die unverschuldet zu psychiatrischen Patienten wurden und – oft nach längerer Leidensgeschichte – erstmals bei einem Psychiater vorstellig werden, sind ablehnend, voller Angst und in der Gewissheit, jetzt den Tiefpunkt ihrer Existenz erreicht zu haben. Eine oft mühsame Vertrauensarbeit erfolgt, Gespräche, die v. a. der Vereinbarung eines Therapiezieles und der Aufklärung über die Therapie-Möglichkeiten dienen und dem Patienten ein Gefühl vermitteln sollen, wie die Medizin über psychische Störungen denkt, was ein Psychiater oder Psychotherapeut ist, welche Rolle die berüchtigten Psychopharmaka spielen und weshalb es einen Versuch wert sein könnte, Vertrauen zu entwickeln.

Auch der Psychiater und Therapeut hat in aller Regel Mühe, genau zu verstehen, wie es im Innern seiner Patienten wirklich aussieht. Deshalb benötigt eine seriöse Behandlung immer eine Mindestzahl von Sitzungen, um Irrtümer auszuschliessen. Und diese Mindestzahl lässt sich kaum standardisieren, sondern variiert beträchtlich. Ein Therapeut, der immer rasch alles versteht und einen raschen Weg aufzeigt, ist der von Patient, sozialem Umfeld und Kostenträgern gewünschte Therapeut, aber leider meist eine hohle Nuss. Das heisst nicht, dass der umständliche Weg der Richtige ist, sondern dass der kürzeste Weg meist länger ist, als alle sich das wünschen, der Therapeut inbegriffen. Man kann leicht erkennen, dass es deshalb gar nicht hilfreich ist, wenn sich Psychotherapieschulen und Therapeuten unter dem wachsenden Druck von Politik und Kostenträgern einen Wettkampf um die effizienteste und schnellste Therapiemethode liefern, denn diese Kämpfe – egal wer gewinnt – rauben der Psychiatrie und Psychotherapie den Boden auf dem sie steht: die Zeit! Zeit ist in der Psychiatrie und Psychotherapie ein unentbehrliches Rohmaterial, so etwas wie Farbe für den Maler oder Filme für den Fotografen. Genau daran sollte man nicht sparen, wenn man Erfolg haben will.
Psychische Störungen haben in der ICD-10-Klassifikation nur eine Handvoll “Ziffern” zugeteilt bekommen. Diese entsprechen den allseits bekannten “grossen” Störungsgruppen wie Depressionen, Angststörungen, Schizophrenien etc.. Wer nun denkt, aus dieser Klassifikation lasse sich die Welt der psychischen Störungen erfassen, hat nichts begriffen. Leider denken sehr viele Menschen so, und bedauerlicher Weise auch sehr viele ärztliche Kollegen.

Menschen mit einer psychischen Störung dürfen sich also glücklich schätzen, wenn sie überhaupt jemanden finden, der annähernd versteht, was in ihnen vorgeht und was dies für ihre Funktionsfähigkeit und ihr soziales Leben bedeutet. Viele Patienten müssen sich mehreren Therapeuten erklären, bevor sie fündig werden. Und erst dann kann man eigentlich vom Beginn einer angemessenen Behandlung sprechen, wenn es gelungen ist, eine verständnisvolle und tragfähige therapeutische Arbeitsbeziehung zu etablieren.

Viele psychische Störungen führen zu inneren Abgründen und/oder zu einer schweren allgemeinen Beeinträchtigung. Ein sehr häufiges und gesellschaftlich blängst erkanntes, aber falsch beurteiltes Problem ist die Arbeitsunfähigkeit, die sich oft im Verlauf psychischer Störungen einstellt. Die Patienten können oft schlecht erklären, warum sie nicht arbeiten können, der Psychiater und Therapeut muss erkennen, dass es trotzdem so ist und muss den Betreffenden durch ein Attest vor den Belastungen der Arbeitwelt schützen. Weil er ihr nicht gewachsen ist und weiteren gesndheitlichen Schaden nehmen würde.

Es ist gut, wenn der Psychiater und Therapeut die Arbeitsfähigkeit seines Patienten beurteilt, denn er verfügt über die bestmögliche Ausbildung dazu und er hat in aller Regel den besten Einblick in das innere Geschehen seines Patienten erhalten. Leider können das soziale Umfeld, die Gesellschaft, die Versicherungen, die Gesundheitspolitiker und die Gesundheitsökonomen oft weder nachvollziehen, was einen psyschisch kranken Menschen behindert, noch glauben, was der behandelnde Psychiater und Therapeut attestiert. Und deshalb kann der Facharzt seine Patienten immer weniger vor dem Unverstand und dem Zugriff Dritter schützen.

Erfolgreiche ärztliche Tätigkeit aber funktioniert nur über ein tragfähiges Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Nur wenn der Patient sich ganz sicher sein kann, dass der Arzt, den er um Hilfe ersucht, ihn schützen kann vor denen, die nicht verstehen, was passiert ist, wird er sich öffnen und sich auf einen therapeutischen Prozess einlassen können. Das gilt übrigens auch für die normale hausärztliche Tätigkeit, aber natürlich in ganz besonderer Weise für die Arbeit mit psychisch kranken Menschen. Diese benötigen einen besonderen Schutz, eben weil sie sich besonders schwer verständlich machen können, und weil schon die Erkrankung an sich als Stigmatisierung empfunden wird.

Wenn also von Menschen, die (noch) gesund sind, über Leute geredet wird, die zum Psychiater gehen und sich ein Attest holen, um nicht arbeiten zu müssen, dann ist das ein Zeichen von Unverstand und an sich natürlich bedauerlich. Denn Krankheit kann jeden Menschen treffen, und das stetige Ansteigen psychischer Störungen in der Gesellschaft sollte dies eigentlich deutlich zeigen.
Wenn aber dieser Unverstand per Gesetz und Kraft des politischen Willens den Weg bis in die Sprechzimmer finden und die ärztliche Tätigkeit in Besitz nehmen darf, wenn man selbst dem Facharzt nicht mehr glaubt, wenn er einen Patient als arbeitsunfähig einstuft, sondern diesen Arzt gleich mit stigmatisiert, nur weil er tut, wofür er ausgebildet wurde, dann nähern wir uns dem Punkt, wo die Heilung psychischer Leiden – und zwar v. a. der schweren psychischen Leiden – nicht mehr möglich ist.

Dann sollten diejenigen, die dem Arzt, Psychiater und Therapeuten sein Handwerk verbieten, aber auch offen die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. Alles andere ist unfair. Und auch ein bisschen feige…

Managed Care ist ein medizinfernes und medizinfremdes Projekt mit unrealistischem Anspruch

Montag, 22. Januar 2007

Der Geist von “Managed Care” zeigte sich bisher ohne medizinischen Sachverstand und – noch schlimmer – ohne jedes Gespür für die Grundbedingungen einer erfolgreichen ärztlichen Arbeit. Er versucht, die individuelle fachärztliche Beurteilung und Behandlung vor Ort durch Standards zu ersetzen, weil er hofft, sie dadurch auch ohne den besagten
Sachverstand besser steuern und für seine ökonomischen Interessen berechenbarer und effizienter machen zu können. Das Problem liegt auf der Hand: nur sehr einfache medizinische Sachverhalte lassen sich schadlos auf diese Weise standardisieren und zentralisieren. Die unter Managed Care-Bedingungen mögliche medizinische Versorgung ist deshalb nur eine sehr einfache – eine “Standardmedizin” für “Standardkrankheiten” und “Standardpatienten”.

Besonders schlimm wird Managed Care deshalb, weil die Macher sich zu den ganz offensichtlichen Grenzen dieses Systems nicht bekennen und die Verantwortung dafür nicht übernehmen wollen. Stattdessen wollen sie uns Ärzte mit unablässiger Propaganda und entsprechenden “Anreizen” davon überzeugen, dass Managed Care ein guter Wohnsitz für eine neue, moderne, aufgeklärte und von altem romantischem Arztdenken (gemeint ist auch die aktuelle medizinische Lehre!) befreite Medizin sei, dass sie sich in diesem Gebäude zu Höchstleistungen aufschwingen könne und dass ihre Inhalte darin erstmals nachweislich gesichert seien.

Managed Care beschränkt sich also nicht darauf, eine Standardmedizin für unkomplizierte Erkrankungen zu geringeren Kosten anzubieten (auch das müsste erst einmal belegt werden), sondern behauptet, der Garant für Medizin auf höchstem Qualitätsniveau zu sein. Das ist im Grunde grössenwahnsinnig, verkennt völlig die Komplexität der medizinischen Sache und wäre eigentlich belustigend, wenn nicht die Propaganda – während Patienten die HMO-Modelle und andere Zänge noch souverän durchschauen und ablehnen – unsere Vertreter in den Berufsverbänden offenbar bereits erreicht und für ihre Interessen sensibilisiert hätte.

Wir sehen uns deshalb in der merkwürdigen Situation, in unserer eigenen Ärztezeitung neuerdings in unerträglicher Redundanz Artikel vorzufinden, die uns darüber aufklären wollen, dass unsere Tätigkeit vor Ort, die wir als Fachärzte auf Basis unserer aufwendigen und kostenintensiven Aus- und Weiterbildung nach Massgabe derselben Fachgesellschaften tagtäglich und mit Erfolg verrichten, nicht wirklich effizient und qualitativ nicht sicher sei und deshalb dringend durch ein zentrales Management ersetzt werden müsse. Man muss sich fragen, was man unseren Vertretern geboten oder wie man sie unter Druck gesetzt hat, dass sie sich so widerstandslos dieser einseitigen Gehirnwäsche unterziehen und dann auch noch die verlangten Unterschriften setzen, die den “Paradigmenwechsel” erst möglich machen.
Wenn das wirklich so wäre, dass man Fachärzte ausser in seltenen Situationen gar nicht braucht, warum reden wir dann nicht zuerst über die Qualität und Bedeutung der medizinischen Lehre und die Länge der Aus- und Weiterbildung und ziehen die Ausbilder zur Verantwortung?

Managed Care ist das Gegenteil von “freier Markt” und behindert Vertrauensbildung

Sonntag, 21. Januar 2007
Überall wird fast maniform der “freie Markt” gepriesen, als sei er das Allheilmittel. Aber weshalb sollen plötzlich in der Gesundheitspolitik Zwang und Kontrolle zum Erfolg führen? Ausgerechnet in einem Bereich, wo gegenseitiges Vertrauen eine solch grosse Rolle spielt und durch keine Kontrolle der Welt ersetzt werden kann… Und wieso thematisiert diesen Widerspruch eigentlich kaum jemand öffentlich?

Managed Care beendet die freie Arztwahl und damit die zuverlässigste und kostengünstigste Qualitätssicherung

Sonntag, 21. Januar 2007

Managed Care-Systeme machen Schluss mit der freien Arztwahl, einer bewährten Säule der bisherigen Arzt-Patienten-Beziehung. Schluss auch mit “mündigen Patienten” und “mündigen Ärzten”. Denn man kann einem “Beziehungspartner” nur mündig begegnen, wenn man frei ist!

Wie kann es sein, dass Ärzte bzw. ihre Standesvertreter ihre Zustimmung geben, zu einem Versorgungssystem, welches den freien Zugang kranker Menschen zu einem Arzt ihres Vertrauens erschwert oder sogar verunmöglicht. Es ist doch erwiesen, dass eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung ganz entscheidend für die Qualität der Behandlung und bei vielen Störungen (z. B. bei psychischen Störungen) sogar unerlässlich ist. Und ausserdem gibt es doch überhaupt keine bessere “Qualitätssicherung” im Gesundheitssystem als die, dass mündige und freie Patienten selber entscheiden, wem sie sich anvertrauen und dass sie ihre Entscheidung zu jedem Zeitpunkt revidieren können.

Kurz und Prägnant – die IPPNW zu Thema Medizin und Gewissen

Samstag, 20. Januar 2007

Habe auf der Webseite der IPPNW einen hervorragenden Text gefunden, der die gegenwärtige Situation der Medizin mit der zunehmenden Ökonomisierung und Instrumentalisierung kurz und prägnant zusammenfasst.


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